
Um ein suchtfreies Leben zu leben, ist es erst einmal wichtig zu verstehen, was eine Sucht ist und von welchen Kriterien sie abhängt. Da der Prozess des Süchtig-Werdens äußerst schleichend vonstatten geht, lässt sich im Nachhinein nur bedingt zurückführen, wann genau Sie Ihre Abhängigkeit entwickelt haben. Wie in der Einleitung schon beschrieben ist Sex ein beliebtes Thema bei uns Deutschen, die Medien, Blogs etc. sind voll von Geschichten rund um das Thema. Probleme in der Sexualität werden jedoch häufiger tabuisiert. Keiner mag zugeben, Probleme zu haben, erst recht nicht, weil das Thema so intim ist. Deshalb ist es besonders schwierig, eine Orientierung zu finden für süchtiges oder normabweichendes Sexualverhalten. Wen soll man schließlich fragen? Es gibt einen Kriterienkatalog für psychische Erkrankungen, in dem unter anderem auch Abhängigkeitskriterien und deren Ausprägung beschrieben und codiert werden (dazu später noch mehr). Kriterien für eine Abhängigkeitsdiagnose[1] sind:
Sie vernachlässigen wichtige andere Bereiche in Ihrem Leben, um Zeit für Ihre Sucht zu haben.
Aus Ihrem Verhalten haben sich bereits negative Konsequenzen für Sie ergeben, Sie konnten jedoch nicht aufhören, dem Suchtverhalten nachzugehen.
Ihre Gedanken kreisen ständig um Ihr Suchtmittel (Craving).
Sie sind Ihrer Sucht schon einmal nachgegangen an Orten, die gefährlich waren oder wo die Gefahr groß war, dass Sie entdeckt werden könnten – nur, weil Sie nicht warten konnten.
Sie haben schon einmal versucht, den Konsum einzustellen oder herunterzufahren, was Ihnen jedoch nicht gelang.
Wenn drei dieser Kriterien in den letzten zwölf Monaten für mindestens sechs Monate aufgetreten sind, spricht man von einer Abhängigkeitserkrankung. Der Zwang- und Kontrollverlust, der von nicht-süchtigen Menschen häufig nicht verstanden wird, wird von unserem Gehirn verursacht. Denn das menschliche Verhalten wird von neurobiologischen Prozessen beeinflusst und gelenkt. Besser und einfacher gesagt: Neurotransmitter, also Botenstoffe, die Erregungen von Nervenzellen auf andere Zellen übertragen, beeinflussen unsere Emotionen und wie wir Dinge und Erlebnisse bewerten oder in der Vergangenheit bewertet haben.
Sie sorgen außerdem dafür, dass wir überlebenswichtige Funktionen wie Essen, Schlafen, Sex, Anerkennung durch andere Menschen und unsere weiteren Bedürfnisse nach zum Beispiel Neugierde, Geborgenheit und Liebe nicht vernachlässigen.
Unser Körper ist darauf programmiert, alles zu verstärken und zu wiederholen was sich gut anfühlt und alles zu vermeiden, was gefährlich sein könnte oder sich schlecht anfühlt.
Das Ziel unseres Körpers ist dabei, in unserem Organismus so wenig Stress wie möglich zu verursachen oder vorhandenen Stress schnellstmöglich abzubauen. Denn: Ein gestresster Körper ist anfälliger für Krankheiten und ein geschwächter Organismus konnte in Urzeiten den Tod bedeuten.
Fragen zu Selbsterfahrung:
Wann sind Sie das erste Mal in Kontakt mit Pornographie gekommen?
Wann haben Sie gemerkt, dass es Ihnen schwerfällt nicht zu konsumieren, obwohl Sie es sich vorgenommen haben?
[1] ICD 10
Essen, Schlafen, Sex und andere Bedürfnisse sind genetisch in uns programmiert. Wir werden von unserem Gehirn regelmäßig animiert, diesen Bedürfnissen nachzugehen, denn sie dienen letztendlich dem Fortbestehen und somit auch der Erhaltung unserer Spezies. Die „Bezahlung“ dafür besteht aus Belohnungen, die wir spüren, wenn wir uns „überlebenskonform“ verhalten. Das wohlige Gefühl, wenn wir satt sind, wird zum Beispiel von Leptin und Serotonin verursacht. Bei einem Orgasmus wird eine große Menge Dopamin im Gehirn freigesetzt. Dopamin hängt mit dem guten Gefühl für einen Erfolg, den wir erreicht haben, zusammen.
So funktionieren die meisten Drogen, sie regen es zur Ausschüttung von glücklichmachenden- oder schmerzstillenden Neurotransmittern an.
Ein Patient berichtet:
„Es gab mehrere Versuche den Konsum zu stoppen. Ich habe es auch schon einmal 12 Wochen geschafft, keinen Porno anzuschauen. Doch dann begann es wieder. Ich habe das unwiderstehliche Bedürfnis gehabt, mir einen Porno anzuschauen. Mein Gehirn hat den Dopamin-Kick von mir erzwungen. Danach habe ich es geschafft für weitere drei Wochen nur sporadisch Pornos zu schauen. Jetzt tue ich es wieder täglich“
Zusammengefasst hat der Prozess der neurochemischen Belohnung eine fundamentale Bedeutung bei der Entwicklung einer Abhängigkeit. Es gibt viele Menschen, denen es schwerfällt mit den alltäglichen Problemen umzugehen und die deshalb Entspannung suchen. In zahlreichen Familien gehören das Bier oder das Glas Wein zu einem ganz normalen Abendritual. Die beruhigende Wirkung von Cannabis hat den Konsum in den letzten Jahren auch beliebter werden lassen. Noch schnell eine Runde das Handyspiel spielen, während man in der Bahn sitzt, den ganzen Tag über Süßigkeiten essen oder sich eben Pornos anschauen – das alles nutzt den Prozess der natürlichen Belohnung als Strategie, um Stress abzubauen.
Bei Menschen, die eine Abhängigkeitserkrankung entwickelt haben, hat das Gehirn durch die ständige Wiederholung das Verhalten gespeichert. Nach einer gewissen Zeit gewöhnt sich das Gehirn an die erhöhte Ausschüttung der Neurotransmitter, es kommt zur Toleranzentwicklung. So werden mit der Zeit aus dem Glas eine Flasche Wein am Abend oder drei Flaschen Bier oder zwei Tafeln Schokolade. Man beginnt sein Handyspiel während der Arbeitszeit zu spielen oder schaut sich über immer längere Episoden Pornos an. Abhängige haben immer öfter das Bedürfnis, sich so zu verhalten, dass sie eine erwartete Belohnung bekommen. Zusätzlich speichert das Gehirn immer mehr Auslöse-Reize und mit der Zeit verselbstständigt sich das Verhalten und die resultierenden negativen Konsequenzen beginnen.
Wichtig! Die individuelle Motivation des Süchtigen ist „Ich will mich besser fühlen“ oder „Ich will mich weniger schlecht fühlen als vorher“. Sucht ist also die Vermeidung von Schwierigkeiten im Umgang mit dem Leben. Wichtig!
Ein Beispiel zur Veranschaulichung, wie eine Abhängigkeit sich verselbstständigen kann: Sie fühlen sich einsam (emotionaler Schmerz) und deshalb schauen Sie sich einen Porno an (positive Wirkung, durch Suchtmedium „Porno“), um das Gefühl der Einsamkeit zu reduzieren. Die stundenlange Masturbation und die vielen Orgasmen machen Sie müde und Sie fühlen sich energetisch ausgelaugt. Das wiederum veranlasst Sie dazu, zu Hause zu bleiben anstatt Ihre sozialen Kontakte zu pflegen und Sie fühlen sich noch einsamer (Schmerz = verursacht durch das Suchtmittel), was Sie dann wiederum animiert, noch mehr Pornos anzuschauen, da dies ja Ihr erlerntes „Schmerzmittel“ ist.
Hier entsteht der Teufelskreislauf.
Dies tut Ihr Gehirn nicht etwa, um Ihnen zu schaden, sondern um Ihr Überleben zu sichern. Es ist bestrebt, Sie emotional im Gleichgewicht zu halten, um Ihren Energiehaushalt nicht zu strapazieren und um Stress zu vermeiden. Nur ist es so, dass jeder Mensch mit einer Abhängigkeit an den Punkt kommt, dass er andere wichtige Beziehungen und Bereiche des Lebens vernachlässigt, um zu konsumieren. Dies führt mittel- oder langfristig zur sozialen Isolation. Diese Isolation führt nicht bei allen Menschen zu einem Leidensdruck, fördert jedoch weiteren Konsum und ist ein Symptom der Abhängigkeitserkrankung!
Wichtig! Stress konnte in Urzeiten zu Krankheit, Krankheit zur Schwächung und Schwächung zum Tode führen. Wichtig!
Das alles läuft in verschiedenen Phasen ab. Der Suchtkreislauf beschreibt die Phasen des Suchtverhaltens und eignet sich gut, um Ihnen die Triangulation zwischen Trigger-Reiz – Verhalten – Konsequenz zu veranschaulichen und dies greifbarer zu machen:[1]
Phase I – Trigger (dt. Auslöser) sind Vorboten, die Sie aus Ihrer inneren Balance bringen. Trigger sind ein Ausdruck emotionaler Spannungszustände wie zum Beispiel: Trauer, Angst, Einsamkeit, Langeweile oder Glück. Sie lösen dann Ihr Verlangen aus, diesen Zuständen zu entfliehen oder sie zumindest zu stabilisieren und sich davon zu distanzieren (beispielsweise Stress auf der Arbeit, der eine Wut auslöst, was wiederum das Verlangen nach Porno schürt). Auslöser können zusätzlich auch über unsere direkten Wahrnehmungssysteme aufgenommen werden. Dies geschieht, wenn wir zum Beispiel ein Bild mit einer attraktiven Person sehen (z. B. in der Werbung, oder als Pop-up-Window, wenn wir durch das Internet surfen…), oder einen bestimmten Duft (Parfum) riechen, oder gewisse Musik hören.
Die Trigger-Reize müssen frühzeitig identifiziert und durch gesunde Verhaltensweisen ersetzt werden, damit Betroffene nicht in die zweite Phase gleiten.
Phase II – Fantasie entsteht nach dem Auftreten der Trigger-Reize und führt zur Anregung Ihrer sexuellen Fantasie. ie beginnen ab diesem Punkt mit Ihren erlaubniserteilenden Gedanken, über vergangene (virtuelle und/oder reale) oder zukünftige Sexerlebnisse nachzudenken. In dieser Phase beginnt auch die fantasievolle „Versexualisierung“ (eng. Pornofying) Ihrer Umgebung. Nun beginnen Sie, Ihre Mitmenschen sexualisiert wahrzunehmen und ignorieren Ihre Vorsätze oder negative Erinnerungen an dieses Verhalten. Ab diesem Punkt ist es sehr schwer, den Zirkel zu stoppen ohne eine äußere Intervention, da nun Ihr Neocortex[2] vermindert agiert.
Wichtig! Kurzfristige Konsequenzen sind handlungsweisend für unser Gehirn. Wichtig!
Phase III – Ritualisierung schafft Möglichkeiten, die Fantasien durch Porno, den Besuch im Rotlichtmilieu oder andere Dating-Apps niedrigschwellig und regelmäßig in die Realität zu überführen. Hier beginnt die sexuelle Erregung, die Vorfreude, die Trance und das „High“-Gefühl, das Sie Ihre Umgebung vergessen lässt (Sorgen, Stress, Alltag). Ab diesem Punkt geben Sie sich voll und ganz Ihren Fantasien hin. Diese Phase wird so lange wie möglich aufrechterhalten und das Ende hinausgezögert. Das kann Stunden oder sogar Tage dauern, je nachdem, wie weit die Abhängigkeit ausgeprägt ist und ob Sie noch andere Substanzen konsumieren. Dieses „Jagen“ (um genauer zu sein: der Neurotransmittercocktail) nach sexuellen Möglichkeiten und „Eroberungen“ ist das, wovon Sex-/Pornosüchtige abhängig sind.
Phase IV – Acting Out (dt. Ausführen) ist die nächste Stufe. Viele Nicht-Süchtige denken, dass dies das angestrebte Ziel des Sexsüchtigen ist, da hier der Orgasmus als Finale erreicht wird. Das ist aber eine falsche Annahme. Der Orgasmus bedeutet den Abschluss des Hochgefühls und der Realitätsflucht und konfrontiert den Süchtigen wieder mit der Realität.
Phase V – Erstarren ist der Versuch von Betroffenen, sich emotional zu distanzieren von dem, was sie getan haben. Es werden Sätze der Rechtfertigung zu sich selbst gesprochen: „Niemand hat mitbekommen, dass ich gerade sechs Stunden vor dem Computer gesessen habe, um zu masturbieren“, „Keiner kam zu Schaden, so schlimm war das gar nicht“; „Wenn mein Partner netter zu mir wäre und mehr auf mich eingehen würde, bräuchte ich das gar nicht“ etc. Diese Rechtfertigungen dienen den Betroffenen, um den Selbstwert vor der letzten Phase zu schützen.
Phase VI – Enttäuschung und Scham empfinden die Betroffenen nach dem High''. Sie fühlen sich leer und machtlos ihrer Sucht gegenüber. Dazu kommen dann zusätzlich die emotionalen Trigger-Reize, denen sie ja entkommen wollten. Dieses Gefühl der Machtlosigkeit kann dann wieder ein Trigger sein, der den Zirkel von Neuem beginnen lässt.
Wenn wir ausgeschlafen sind, haben wir das Bedürfnis „Schlafen“ gestillt; wenn wir sattgegessen sind, haben wir das Bedürfnis „Hunger“ gestillt. Warum aber hat unser Gehirn keinen eingebauten „Autostopp“, der unser Bedürfnis nach „Sexualität“ stillt?
Das hat es. Pornographie ist jedoch ein Schlupfloch, wie der nächste Abschnitt aufzeigt.
[1] Paula Hall, Understanding and treating sex addiction: A comprehensive guide for people who struggle with sex addiction and those who want to help them, 2012, S. 51 - 60
[2] Das Gehirnareal, welches primär für unsere Vernunft verantwortlich ist.
Die Hauptaussage des Effekts ist, dass die Dopaminausschüttung, also der Belohnungseffekt, den wir erhalten, wenn wir mit unserem Partner Sex haben, mit der Zeit nachlässt.[1] Kurz: Das sexuelle Verlangen nimmt mit zunehmender Beziehungsdauer ab. Ersetzt man den Partner jedoch durch einen neuen, werden wieder die Dopaminrezeptoren stimuliert und es kommt zu einem Anstieg des sexuellen Verlangens (neuer Partner = Anstieg Dopaminrezeptoren = Anstieg sexuelles Verlangen). Unser Gehirn signalisiert uns dann „Ich bin so gut! Ich schaffe es, meine Artgenossen zu überzeugen Sex mit mir zu haben!“. Die Crux ist, dass unser Gehirn nicht zwischen Porno und Wirklichkeit unterscheiden kann. Sie gucken also einen Porno und Ihr Gehirn signalisiert Ihnen sofort „Ich bin so eine tolle, schlaue und hübsche Person“ und erzeugt damit eine Belohnungserwartung, die mit dem tatsächlichen Leben nichts mehr zu tun hat. Diese Belohnungserwartung wird dann kontinuierlich aufrechterhalten, weil Sie sich immer neue Pornodarsteller oder neue Szenen anschauen.
Würden Sie sich ständig dieselbe Szene oder die gleichen Bilder ansehen, würde auch Ihre Belohnungserwartung abnehmen und die Erregung würde sinken. Deshalb tun Betroffene das nicht. Sie wollen ja einen immer noch intensiveren Kick. Die ständige neue Belohnung führt wiederum dazu, dass:
Menschen mit einer Pornosucht den virtuellen Sex oftmals befriedigender erleben als tatsächlichen Sex mit einem wirklichen Menschen (weil die Belohnungserwartung automatisch abnimmt, wenn Sie immer mit der gleichen Person Sex haben),
das „Suchen“ nach dem neuen Kick wesentlich länger dauert, da immer wieder die „perfekte“ Szene/Bilder gesucht werden,
sich das Gehirn an einen hohen Dopamin-Level gewöhnt.
Der ständige Überfluss von Dopamin während des Pornokonsums, führt bei einer Abnahme des Dopamin-Levels dazu, dass Ihnen Ihr Gehirn immer häufiger die Meldung gibt, Porno zu konsumieren. Durch den künstlichen Überschuss und die Abnahme des Dopamin-Levels bei normalen sexuellen Reizen kann das Nutzer dazu bringen, immer extremere Formen der Sexualität konsumieren zu wollen[2]. Die neuen, extremeren Formen reichen dann von gewalttätigen Zwangsdarstellungen bis zu Kinderpornographie und Vergewaltigungen, was wiederum zu Konflikten mit dem Gesetz führt und die Heimlichkeit und Scham erhöht, bei der Entdeckung der antrainierten „Vorlieben“ sozial ausgeschlossen zu werden.
Wichtig! Die Dopamin-Rezeptoren im Gehirn brauchen nach exzessivem Konsum (z.B. durch Pornographie) mehrere Monate, um sich zu regenerieren. Wichtig!
Ein Patient berichtet:
„Ich hatte mit meiner Ex-Freundin eine sehr aufregende und leidenschaftliche Anfangszeit. Wir sind quasi nicht mehr aus dem Bett gekommen. Mit den Monaten hat das abgenommen. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mir neben dem Sex mit meiner Freundin auch wieder regelmäßig Pornofilme anschaute. Während des Sex mit meiner Ex habe ich dann immer an die Pornoszenen gedacht. Sie hat mich darauf sogar angesprochen. Ich fand das so krass, dass sie meine gedankliche Abwesenheit sogar bemerkt hat. Mit der Zeit habe ich dann lieber Pornos angeschaut als Sex mit meiner Freundin zu haben. Die Sucht und die Unehrlichkeit war für sie auch ein Trennungsgrund.“
[1] Vgl. Dennis F. Fiorino, Ariane Coury, Anthony G. Phillips: Dynamic changes in nucleus accumbens dopamine efflux during the Coolidge effect in male rats. In: The Journal of Neuroscience, 1997, S. XXXX
Zum Nachlesen - https://lexikon.stangl.eu/15735/coolidge-effekt/
[2] Döring, N. (2012). Sexuell explizite Inhalte in neuen Medien: Negative und positive Wirkungen auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen. In L. Reinecke & S.Trepte (Hrsg.),Unterhaltung in neuen Medien. Perspektiven zur Rezeption und Wirkung von Online-Medien und interaktiven Unterhaltungsformaten, (S. 359-376). Köln: von Halem, Erscheinungsjahr
Eine Abhängigkeit ist einer Affäre nicht unähnlich. Sie wird heimlich gelebt und befriedigt unausgesprochene Bedürfnisse in der Beziehung. Eine Sucht kann niemals das Bedürfnis befriedigen, welches sie ersetzen soll! Bei einer Pornoabhängigkeit eines Partners in einer Beziehung leidet oftmals der andere Partner mit, welcher sich dann nicht selten verletzt und betrogen fühlt. Weiter denken Betroffene bei wirklichem Sex mit ihrem Partner, an gesehene Pornoszenen und Bilder (wie eine Art Schleier vor dem inneren Auge), um ihre sexuelle Erregung nicht zu verlieren. Auch kann die erotische Verbundenheit bei dem Liebesakt gänzlich verloren gehen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Partner häufig (bewusst oder unterbewusst) mit den Darstellern der Filme oder mit Bildern verglichen werden. Die Partner und Partnerinnen können natürlich nicht mit den „super Sexreizen“ mithalten und selbst wenn sie dies täten, würde das sexuelle Verlangen auch dann mit der Zeit abnehmen. Auch können durch entwickelte Neigungen Sexpraktiken ausgeübt werden, welche für die Partner No-Go’s sind und bei denen sich der Partner anschließend benutzt oder herabgewürdigt fühlt.
Ein Patient sagte: „Wenn du keinen Bock mehr hast auf deine Hobbies, fang an zu kiffen.“ Ähnlich ist es mit Pornographie – wenn Sie keinen Bock mehr haben auf wirklichen Sex, fangen Sie an, sich Pornos anzuschauen.
Wichtig! Pornosexualität kann die partnerschaftliche Sexualität in einer Beziehung verdrängen. Wichtig!
Durch eine ausgeprägte Pornosexualität wird gesunde Sexualität zur ungesunden Fantasie von Sexualität. Verstehen Sie das nicht falsch: Pornographie ist per se nichts Schlechtes. Aber der Überkonsum führt zu unrealistischen Erwartungen an die eigene Sexualität. Das verwechseln viele Betroffene, die Pornographie ja benutzen, um ihre sexuelle Zufriedenheit zu steigern.[1] Oder um überhaupt sexuell aktiv zu sein – frei nach dem Motto: „Wie soll ich das sonst machen, wenn ich keinen Partner habe“ oder „wenn mein Partner keinen Sex möchte, habe ich nur diese Möglichkeit“.
Pornographie in Maßen erhöht die sexuelle Zufriedenheit. Jetzt ist es aber so, dass Menschen, die viel Pornographie konsumieren, nicht nur die gezeigten Szenen für realistisch halten, sondern, dass durch den Konsum die Unsicherheiten und die Unzufriedenheit mit der eigenen Sexualität zunimmt.[2] So wird die Pornosexualität früher oder später die Sexualität in der Beziehung einnehmen, durch die illusionäre Verbundenheit, die sie vermittelt. Ihr Partner merkt entweder, dass Sie durch Ihren Konsum Ihr normales Sexualverhalten einstellen oder reduzieren, oder dass sich Ihre Sexualität mit der Zeit verzerrt. Für einen Pornoabhängigen bedeutet das, dass es entweder eine als zufriedenstellend erlebte Sexualität mit dem Partner gibt oder eine auf lange Sicht unzufriedene Pornosexualität, die im Geheimen allein gelebt wird. Aber was bedeutet zufriedene Sexualität? In einer Studie zur Erhebung, was gute Sexualität ausmacht, haben die Probanden geschlechterunspezifisch die folgenden acht Komponenten als besonders wichtig gewertet, da sie maßgeblich an dem Erleben einer erfüllten Sexualität beteiligt sind:[3]
Präsenz,
Verbundenheit,
Intimität (mit einem realen Partner erlebt, Vertrauen),
empathische Kommunikation (ausgelöst durch die Verbundenheitsgefühle nach dem Sex),
Risikobereitschaft, sich zu zeigen, sich zu öffnen,
Authentizität,
Verletzbarkeit und Hingabebereitschaft,
Gefühl von Transzendenz und Seligkeit (verbunden mit dem Kosmos).
Diese Komponenten sind das exakte Gegenteil von pornographischer Sexualität. Das bedeutet für Sie, dass Sie, um gesunde Sexualität erleben zu können, erst einmal Ihrem Gehirn die Möglichkeit geben müssen, Lust wieder an andere Reize zu knüpfen als ausschließlich an die visuellen. Wenn Sie das schaffen, bekommen Sie nach und nach wieder ein Gefühl dafür, was natürliche Sexualität für Sie bedeutet. Die sexuelle Präferenz entwickelt sich in der finalen Phase der Adoleszenz. Wie wichtig Ihnen Ihre Sexualität ist, welche sexuellen Fantasien Sie erregen und auch Ihre sexuelle Orientierung, also ob und zu welchem Geschlecht Sie sich hingezogen fühlen, wird in dieser Zeit gefestigt und Sie können weder Ihre Präferenzen noch Ihre Orientierung aktiv beeinflussen, außer: wenn Sie Pornographie schon sehr regelmäßig in Ihrer Jugend konsumiert haben, was 47% der Jungen und 3% der Mädchen täglich oder
mehrmals täglich tun.[4]
Wenn Sie einen Partner haben, der mit Ihnen keinen Sex möchte, dann erfragen Sie die genauen Gründe dafür. Es wäre dann sinnvoll, eine Paarberatung in Betracht zu ziehen, da eventuell tiefere Probleme besser mit einem unparteiischen Therapeuten besprochen werden.
Wenn Sie keinen Sex mehr mit Ihrem Partner haben möchten, dann sprechen Sie mit Ihrem Partner darüber. Es ist besser für Sie, sich zu offenbaren, als im Geheimen Ihre Pornosexualität zu leben.
Fragen zur Selbsterfahrung:
Wie und wann war Ihre erste sexuelle Erfahrung?
Wann haben Sie bemerkt, dass Sie süchtig sind?
Woran würden Sie merken, dass Sie eine erfüllte Sexualität haben? Wie viel Sex möchten Sie am Tag, wie oft möchten Sie masturbieren?
Welche sexuellen Vorlieben haben Sie? Und welche möchten Sie haben?
Welche Schritte könnten Sie heute unternehmen, damit Sie Ihre Sexualität wieder als befriedigend empfinden?
[1] Štulhoferet al., 2010)
[2] Peter J, Valkenburg PM. Adolescents’ exposure to sexually explicit internet material and sexual satisfaction: A longitudinal study. Human Communication Research, 2009; 35:171–194
[3] Kleinplatz, P. J. (2012). Is that all there is? A new critique of the goals of sex therapy. In P. J. Kleinplatz (Ed.), New directions in sex therapy: Innovations and alternatives (p. 101–118). Routledge/Taylor & Francis Group.
[4] Döring, 2012
Das Highspeed-Internet und die Tatsache, dass ein Großteil der deutschen Bevölkerung den Zugang zu internetfähigen Geräten besitzt, ermöglichen es, jederzeit Pornographie zu konsumieren. Dazu kommt, dass die Pornoindustrie bestrebt ist, das Erlebnis „virtueller Sex“ immer realistischer zu gestalten. So können Nutzer jetzt schon die Erfahrung „Porno“ mit einer Virtual-Reality-Brille noch realistischer wahrnehmen. Dazu kommen weitere Neuheiten wie durch Bluetooth gesteuerte Masturbationshilfen, die sich mit den gesehenen Szenen synchronisieren und die Bewegungen der Darsteller imitieren. Es wird auch an verschiedenen Möglichkeiten gearbeitet, virtuelle Darsteller-Avatare zu erstellen, mit denen die Nutzer dann interaktiv agieren können. Diese Form der Unterhaltung ist darauf ausgelegt, Menschen zu gefallen. Deshalb ist es nicht peinlich, wenn Sie von Pornographie fasziniert sind.
Nun wissen Sie im Großen und Ganzen, wie Abhängigkeiten entstehen können, welche Funktionen sie haben und von welchen Kriterien sie abhängen. Lassen Sie sich nicht entmutigen, Sie können Ihre Sucht in den Griff bekommen. Dafür brauchen Sie Zeit, Verständnis, Disziplin und vor allem die wahrhafte Bereitschaft, sich verändern zu wollen.
Besonders Männern wird in der heutigen Zeit immer noch das Bild des latent aggressiven Karriere-Typen suggeriert, der alles können muss, keine Gefühle besitzt, Emotionen nicht zulässt und hypersexuell ist. Viele Betroffene haben durch dieses omnipräsente, unrealistische Vorbild nicht richtig lernen können, mit belastenden Gefühlen umzugehen. Deshalb ist es wichtig, das nachzuholen und sich für die eigenen Bedürfnisse zu sensibilisieren.
Dies ist der erste Teil meiner Behandlung zur Reduktion Cybersexuellen Verhaltens. Übermäßiger Pornokonsum zerstört Beziehungen und fördert langfristig Störungen der eigenen Sexualität. In Deutschland gibt es schätzungsweise 5.000.000 Menschen, die einen problematischen Pornokonsum aufweisen. Das Tabuthema, von dem mehr Menschen betroffen sind, als Sie denken. Die Pornosucht ist tückisch, da Sie von den Betroffenen oftmals nicht als störend empfunden wird und somit kurzfristig keinen Leidensdruck erzeugt. Dies führt nach Jahren des Konsums häufig in eine Negativspirale, welche normale und echte Sexualität aus dem Leben der Betroffenen verdrängt.
Sie werden lernen, wie sich die Faszination "Porno" auf den Menschen (…und auf Sie) auswirkt. Außerdem werden wir ich Ihnen erläutern, was der Konsum mit dem unserem Gehirn und unserer Belohnungserwartung macht, wie sich abhängiges Verhalten entwickelt und welche Schwierigkeiten sich langfristig für das Beziehungsverhalten einstellen können. Bitte lesen Sie, nachdem Sie sich die einzelnen Videos angesehen haben, auch die Beschreibung der jeweiligen Kurse durch. Halten Sie außerdem bitte einen Papierblock und einen Stift bereit, um die Selbsterfahrungsaufgaben zu beantworten. Dies ermöglicht Ihnen sich kritisch und reflektiert mit Ihrem eigenen Pornokonsum auseinanderzusetzen.
Da dieser Kurs kostenlos ist und ich kein technischer Profi bin, würde ich etwas Nachsicht bei Bewertungen begrüßen. Ansonsten wünsche ich allen Teilnehmenden eine aufschluss- und lehrreiche Zeit. Für Fragen und Anmerkungen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.
Herzliche Grüße
Gregor Röpnack