
Um ein suchtfreies Leben zu leben, ist es erst einmal wichtig zu verstehen, was eine Sucht ist und von welchen Kriterien sie abhängt. Da der Prozess des Süchtig-Werdens äußerst schleichend vonstatten geht, lässt sich im Nachhinein nur bedingt zurückführen, wann genau Sie Ihre Abhängigkeit entwickelt haben. Wie in der Einleitung schon beschrieben ist Glücksspiel und Gaming ein zunehmend beliebtes Thema bei uns Deutschen, die Medien, Blogs etc. sind voll von Geschichten rund um das Thema. Suchtgefährdung wird zwar meist in Abspannen unverständlich schnell erwähnt jedoch werden negative Folgen häufig tabuisiert. Keiner mag zugeben, Probleme zu haben, erst recht nicht, weil das Thema so intim und existenziell ist. Deshalb ist es besonders schwierig, eine Orientierung zu finden für süchtiges oder normabweichendes Spielverhalten. Wen soll man schließlich fragen? Es gibt einen Kriterienkatalog für psychische Erkrankungen, in dem unter anderem auch Abhängigkeitskriterien und deren Ausprägung beschrieben und codiert werden (dazu später noch mehr). Kriterien für eine Abhängigkeitsdiagnose[1] sind:
Notwendigkeit des Glücksspielens mit immer höheren Einsätzen, um eine gewünschte Erregung zu erreichen.
Unruhe und Reizbarkeit bei dem Versuch, das Glücksspielen einzuschränken
oder aufzugeben.
Wiederholte erfolglose Versuche, das Glücksspielen zu kontrollieren, einzuschränken oder aufzugeben.
Starke gedankliche Eingenommenheit durch Glücksspielen (z.B. starke Beschäftigung mit gedanklichem Nacherleben vergangener Spielerfahrungen, mit Verhindern oder Planen der nächsten Spielunternehmung, Nachdenken über Wege, Geld zum Glücksspielen zu beschaffen).
Häufiges Glücksspielen in belastenden Gefühlszuständen (z. B. bei Hilflosigkeit, Schuldgefühlen, Angst, depressiver Stimmung).
Rückkehr zum Glücksspielen am nächsten Tag, um Verluste auszugleichen (dem Verlust „hinterherjagen“ [„Chasing“]).
Belügen anderer, um das Ausmaß der Verstrickung in das Glücksspielen zu vertuschen.
Gefährdung oder Verlust einer wichtigen Beziehung, eines Arbeitsplatzes, von Ausbildungs- oder Aufstiegschancen aufgrund des Glücksspielens.
Verlassen auf finanzielle Unterstützung durch andere, um die durch das Glücksspielen verursachte finanzielle Notlage zu überwinden.
Wenn vier dieser Kriterien in den letzten zwölf Monaten für mindestens sechs Monate aufgetreten sind, spricht man von einer Abhängigkeitserkrankung. Der Zwang- und Kontrollverlust, der von nicht-süchtigen Menschen häufig nicht verstanden wird, wird von unserem Gehirn verursacht. Denn das menschliche Verhalten wird von neurobiologischen Prozessen beeinflusst und gelenkt. Besser und einfacher gesagt: Neurotransmitter, also Botenstoffe, die Erregungen von Nervenzellen auf andere Zellen übertragen, beeinflussen unsere Emotionen und wie wir Dinge und Erlebnisse bewerten oder in der Vergangenheit bewertet haben.
Sie sorgen außerdem dafür, dass wir überlebenswichtige Funktionen wie Essen, Schlafen, Sex, Anerkennung durch andere Menschen und unsere weiteren Bedürfnisse nach zum Beispiel Neugierde, Geborgenheit, Abwechslung und Liebe nicht vernachlässigen.
Unser Körper ist darauf programmiert, alles zu verstärken und zu wiederholen was sich gut anfühlt und alles zu vermeiden, was gefährlich sein könnte oder sich schlecht anfühlt.
Das Ziel unseres Körpers ist dabei, in unserem Organismus so wenig Stress wie möglich zu verursachen oder vorhandenen Stress schnellstmöglich abzubauen. Denn: Ein gestresster Körper ist anfälliger für Krankheiten und ein geschwächter Organismus konnte in Urzeiten den Tod bedeuten.
Fragen zu Selbsterfahrung:
Wann sind Sie das erste Mal in Kontakt mit Glücksspiel gekommen?
Wann haben Sie gemerkt, dass es Ihnen schwerfällt nicht zu spielen, obwohl Sie es sich vorgenommen haben?
Wichtig! Während Sie spielen, setzt Ihr Gehirn die Neurotransmitter Dopamin und Serotonin frei. Wichtig!
[1] nach DSM V
Essen, Schlafen, Sex und andere Bedürfnisse wie Abwechslung und Spaß sind genetisch in uns programmiert. Wir werden von unserem Gehirn regelmäßig animiert, diesen Bedürfnissen nachzugehen, denn sie dienen letztendlich dem Fortbestehen und somit auch der Erhaltung unserer Spezies. Die „Bezahlung“ dafür besteht aus Belohnungen, die wir spüren, wenn wir uns „überlebenskonform“ verhalten. Das wohlige Gefühl, wenn wir satt sind, wird zum Beispiel von Leptin und Serotonin verursacht. Bei einem Orgasmus wird eine große Menge Dopamin im Gehirn freigesetzt. Dopamin hängt mit dem guten Gefühl für einen Erfolg (oder Gewinn!), den wir erreicht haben, zusammen.
So funktionieren die meisten Drogen, sie regen es zur Ausschüttung von glücklichmachenden- oder schmerzstillenden Neurotransmittern an.
Ein Betroffener schreibt im Internet:
„Hallo Zusammen, ich habe euch Anfang März mal von meinen Problemen mit Poker berichtet. Danach wurde alles besser. Ich habe nicht mehr gespielt, habe es auch nicht vermisst.
Nach dem Sommer bzw. im Herbst ging es leider wieder weiter. Durch Corona habe ich viel von Zuhause aus arbeiten müssen. Mein Laptop mit den Pokerprogrammen war somit immer in greifbarer Nähe. Ich habe diese Woche einen großen Betrag gewonnen. Damit hätte ich alle offenen Kosten (Konto ist mal wieder im Minus durchs zocken) decken können und hätte sogar noch was übrig gehabt. Was mach ich Vollidiot? Ich storniere die Auszahlung, um weiter zu spielen. Und natürlich ist jetzt alles wieder weg. Ich habe mir schon ausgemalt im Kopf, wie ich endlich wieder vom Gewinn mein Konto im Plus habe.
Das ich Auszahlungen storniert habe ist mir schon öfters passiert.
JEDES MAL sage ich mir: " Beim nächsten Mal mach ich es nicht mehr". Und dann passiert es doch wieder... Und ich verstehe nicht wieso. Ich weiß doch das es dumm ist und mach es trotzdem.
Da hilft auch der tolle neue "Panikknopf" auf den Pokerseiten nichts.
Was hätte ich jetzt mit dem Geld alles machen können??? Es ist einfach frustrierend!!!.“[1]
Zusammengefasst hat der Prozess der neurochemischen Belohnung eine fundamentale Bedeutung bei der Entwicklung einer Abhängigkeit. Es gibt viele Menschen, denen es schwerfällt mit den alltäglichen Problemen umzugehen und die deshalb Entspannung suchen. In zahlreichen Familien gehören das Bier oder das Glas Wein zu einem ganz normalen Abendritual. Die beruhigende Wirkung von Cannabis hat den Konsum in den letzten Jahren auch beliebter werden lassen. Noch schnell eine Runde das Handyspiel spielen, während man in der Bahn sitzt, den ganzen Tag über Süßigkeiten essen oder sich eben Pornos anschauen – das alles nutzt den Prozess der natürlichen Belohnung als Strategie, um Stress abzubauen.
Bei Menschen, die eine Abhängigkeitserkrankung entwickelt haben, hat das Gehirn durch die ständige Wiederholung das Verhalten gespeichert. Nach einer gewissen Zeit gewöhnt sich das Gehirn an die erhöhte Ausschüttung der Neurotransmitter, es kommt zur Toleranzentwicklung. So werden mit der Zeit aus dem Glas eine Flasche Wein am Abend oder drei Flaschen Bier oder zwei Tafeln Schokolade. Man beginnt sein Handyspiel während der Arbeitszeit zu spielen oder schaut sich über immer längere Episoden Pornos an. Abhängige haben immer öfter das Bedürfnis, sich so zu verhalten, dass sie eine erwartete Belohnung bekommen. Zusätzlich speichert das Gehirn immer mehr Auslöse-Reize und mit der Zeit verselbstständigt sich das Verhalten und die resultierenden negativen Konsequenzen beginnen.
Wichtig! Die individuelle Motivation des Süchtigen ist „Ich will mich besser fühlen“ oder „Ich will mich weniger schlecht fühlen als vorher“. Sucht ist also die Vermeidung von Schwierigkeiten im Umgang mit dem Leben. Wichtig!
Ein Beispiel zur Veranschaulichung, wie eine Abhängigkeit sich verselbstständigen kann: Sie fühlen sich einsam (emotionaler Schmerz) und deshalb spielen Sie (positive Wirkung, durch Suchtmedium „Spielen“), um das Gefühl der Einsamkeit zu reduzieren durch Beschäftigung. Die Scham wegen der Verluste und die Jagd, wenigstens die Verluste auszugleichen machen Sie müde und Sie fühlen sich energetisch ausgelaugt. Das wiederum veranlasst Sie dazu, zu Hause zu bleiben anstatt Ihre sozialen Kontakte zu pflegen und Sie fühlen sich noch einsamer (Schmerz = verursacht durch das Suchtmittel), was Sie dann wiederum animiert, noch mehr zu spielen, da dies ja Ihr erlerntes „Schmerzmittel“ ist.
Hier entsteht der Teufelskreislauf.
Dies tut Ihr Gehirn nicht etwa, um Ihnen zu schaden, sondern um Ihr Überleben zu sichern. Es ist bestrebt, Sie emotional im Gleichgewicht zu halten, um Ihren Energiehaushalt nicht zu strapazieren und um Stress zu vermeiden. Nur ist es so, dass jeder Mensch mit einer Abhängigkeit an den Punkt kommt, dass er andere wichtige Beziehungen und Bereiche des Lebens vernachlässigt, um zu konsumieren. Dies führt mittel- oder langfristig zur sozialen Isolation. Diese Isolation führt nicht bei allen Menschen zu einem Leidensdruck, fördert jedoch weiteren Konsum und ist ein Symptom der Abhängigkeitserkrankung!
Wichtig! Stress konnte in Urzeiten zu Krankheit, Krankheit zur Schwächung und Schwächung zum Tode führen. Wichtig!
[1] https://www.forum-gluecksspielsucht.de/forum/index.php/topic,4772.0.htmll, stand 10.01.2021
Das alles läuft in verschiedenen Phasen ab. Der Suchtkreislauf beschreibt die Phasen des Suchtverhaltens und eignet sich gut, um Ihnen die Triangulation zwischen Trigger-Reiz – Verhalten – Konsequenz zu veranschaulichen und dies greifbarer zu machen:[1]
Phase I – Trigger (dt. Auslöser) sind Vorboten, die Sie aus Ihrer inneren Balance bringen. Trigger sind ein Ausdruck emotionaler Spannungszustände wie zum Beispiel: Trauer, Angst, Einsamkeit, Langeweile oder Glück. Sie lösen dann Ihr Verlangen aus, diesen Zuständen zu entfliehen oder sie zumindest zu stabilisieren und sich davon zu distanzieren (beispielsweise Stress auf der Arbeit, der eine Wut auslöst, was wiederum das Verlangen nach Spielen schürt). Auslöser können zusätzlich auch über unsere direkten Wahrnehmungssysteme aufgenommen werden. Dies geschieht, wenn Sie zum Beispiel ein Bild mit schrillen Farben sehen (z. B. in der Werbung, oder als Pop-up-Window, wenn wir durch das Internet surfen…), oder einen bestimmten Ton hören, oder sich in einer vertrauten Spielumgebung befinden.
Die Trigger-Reize müssen frühzeitig identifiziert und durch gesunde Verhaltensweisen ersetzt werden, damit Betroffene nicht in die zweite Phase gleiten.
Phase II – Fantasie entsteht nach dem Auftreten der Trigger-Reize und führt zur Anregung Ihres Spielverlangens. Sie beginnen ab diesem Punkt mit Ihren erlaubniserteilenden Gedanken, über vergangene (virtuelle und/oder reale) oder zukünftige „Gewinne“ nachzudenken. Nun beginnen Sie, Möglichkeiten zu finden und ignorieren Ihre Vorsätze oder negative Erinnerungen an dieses Verhalten. Ab diesem Punkt ist es sehr schwer, den Zirkel zu stoppen ohne eine äußere Intervention, da nun Ihr Neocortex[2] vermindert agiert.
Wichtig! Kurzfristige Konsequenzen sind handlungsweisend für unser Gehirn. Wichtig!
Phase III – Ritualisierung schafft Möglichkeiten, die Fantasien durch Spielen, den Besuch im Wettbüro oder andere Gaming-Apps niedrigschwellig und regelmäßig in die Realität zu überführen. Hier beginnt die Erregung, die Vorfreude, die Trance und das „High“-Gefühl, das Sie Ihre Umgebung vergessen lässt (Sorgen, Stress, Alltag). Ab diesem Punkt geben Sie sich voll und ganz Ihrem Verhalten hin. Diese Phase wird so lange wie möglich aufrechterhalten und das Ende hinausgezögert. Das kann Stunden oder sogar Tage dauern, je nachdem, wie weit die Abhängigkeit ausgeprägt ist und ob Sie noch andere Substanzen konsumieren. Dieses „Jagen“ (um genauer zu sein: der Neurotransmittercocktail) nach Belohnungsmöglichkeiten und „Eroberungen“ ist das, wovon pathologische Glücksspieler abhängig sind.
Phase IV – Acting Out (dt. Ausführen) ist die nächste Stufe. Viele Nicht-Süchtige denken, dass dies das angestrebte Ziel des Spielers ist, da hier der „Gewinn oder Verlust“ als Finale erreicht wird. Das ist aber eine falsche Annahme. Denn das Ende bedeutet den Abschluss des Hochgefühls und der Realitätsflucht und konfrontiert den Süchtigen wieder mit der Realität.
Phase V – Erstarren ist der Versuch von Betroffenen, sich emotional zu distanzieren von dem, was sie getan haben. Es werden Sätze der Rechtfertigung zu sich selbst gesprochen: „Niemand hat mitbekommen, dass ich gerade sechs Stunden vor gezockt habe.“, „Keiner kam zu Schaden, so schlimm war das gar nicht“, „Es waren nur 300€, ich bin trotzdem noch im Plus“, „Wenn mein Partner netter zu mir wäre und mehr auf mich eingehen würde, bräuchte ich das gar nicht“ etc. Diese Rechtfertigungen dienen den Betroffenen, um den Selbstwert vor der letzten Phase zu schützen.
Phase VI – Enttäuschung und Scham empfinden die Betroffenen nach dem „High''. Sie fühlen sich leer und machtlos ihrer Sucht gegenüber. Dazu kommen dann zusätzlich die emotionalen Trigger-Reize, denen sie ja entkommen wollten. Dieses Gefühl der Machtlosigkeit kann dann wieder ein Trigger sein, der den Zirkel von Neuem beginnen lässt.
[2] Das Gehirnareal, welches primär für unsere Vernunft verantwortlich ist.
Selbsterfahrungsaufgaben:
Welche Reize lösen bei Ihnen das Verlangen aus, zu spielen?
Wie sieht bei Ihnen eine typische Spiel-Session aus?
Welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf, wenn Sie in der letzten Phase ankommen?
Paula Hall, Understanding and treating sex addiction: A comprehensive guide for people who struggle with sex addiction and those who want to help them, 2012, S. 51 - 60
Glücksspiel und Gaming erfüllen unser Bedürfnis nach Lustgewinn und Selbstwerterhöhung. Dies sind zwei der 4 psychologischen Grundbedürfnisse[1]: (Selbstwerterhalt/Selbstwerterhöhung, Lustgewinn/Unlustvermeidung, Kontrolle/Autonomie, Bindung/Zugehörigkeit - dazu später mehr). Wenn Sie in einem Spiel einen Erfolg verzeichnen können, wird in Ihrem Gehirn eine erhöhte Menge Serotonin und Dopamin freigesetzt. Diese beiden Neurotransmitter sind, wie schon bereits erwähnt, wichtige Aufrechterhaltungs- und Entstehungsfaktoren bei einer Abhängigkeitsentwicklung. Außerdem steigern Sie mit dem Gewinnen Ihren Selbstwert. Die Gaming- und Glücksspielindustrie wiederum nutzt unser angeborenes Bedürfnis nach Lustgewinn und Belohnung und gestaltet Spiele oft mit vielen Soundeffekten, auffallenden Licht- und schnellen Belohnungsabfolgen. Durch die intermittierende Verstärkung (also den nicht vorhersehbaren Gewinn) festigt sich die Jagd der Spieler, nach der Belohnungserwartung während des Spiels. Wenn nun die Erwartung auf Belohnung nicht erfüllt wird z.B. durch Verlust, bringt das Frustration (nämlich die Frustration nach Selbstwerterhöhung und Lustgewinn - und wir Menschen wollen gerade in unseren psychologischen Grundbedürfnissen ein Konsistenzerleben). Die entstandene Frustration wird dann durch eine erneute Belohnungserwartung (eine neue Runde spielen) abgemildert. Beim Glücksspiel verliert man mehr, als man gewinnt, der Anteil der erlittenen Frustration ist also höher, als der Lustgewinn (So weit, so klar).
Durch die hohen Mengen der ausgestoßenen Neurotransmitter kommt es dann zusätzlich zu einer Toleranzentwicklung, man müsste also öfter und/oder um höhere Einsätze spielen und diese auch gewinnen, um die gleiche Belohnung zu spüren, wie bei dem ersten Gewinn.
[1] Grawe, K. Psychologische Therapie. (2000). Göttingen: Hogrefe
Die Kontrollillusion der Spieler beschreibt, dass Glücksspieler häufig der Überzeugung sind, sie könnten das Spielgeschehen beeinflussen. Dies würde funktionieren durch das eigene Handeln (Kickern, vermeintliche Geschicklichkeitsspiele während des Glücksspiels, die verschiedenen Spiele am Automaten/Smartphone), oder besonderes Wissen, welches sich dann positiv auf die Wahlmöglichkeit (Karten zählen, den Markt vorhersagen etc.) auswirken würde und somit ein „Gewinn“ sehr wahrscheinlich oder unvermeidlich macht[1]. Diese Illusion (Gambler´s Fallacy) ist maßgeblich daran beteilig, dass Spieler immer wieder dem Glücksspiel nachgehen, mit der Erwartung, auf große Gewinne (oder zumindest die Verluste wieder auszugleichen). Der Glaube daran, das Spiel könnte kontrolliert werden, ist für die Betroffenen eine Aufwertung des eigenen Selbstwerts. Der Verlust wiederum bedeutet die Abwertung des eigenen Selbstwerts, die es unbedingt zu verhindern gilt.
Das führt dazu, dass:
das „Suchen“ nach dem neuen Kick wesentlich länger dauert, da Gewinne nicht mehr als „ausreichend“ angesehen werden
sich das Gehirn an einen hohen Dopamin-Level gewöhnt
Das auch „fast“ Gewinne einen Belohnungseffekt im Gehirn auslösen
Die Einsätze immer höher werden, oder mehr Zeit für das Spielen aufgebracht wird, um einen noch höheren Dopamin-Ausstoß zu erhalten
Auch löst die „Stopp-Taste“ eine Kontrollillusion aus, denn sie hat keinen Einfluss auf das Spielgeschehen. Das Spiel beginnt bevor Sie beginnen. Denn hinter dem, was Ihnen gezeigt wird, berechnen Prozessoren der Maschinen die ganze Zeit im Vorfeld ob Sie etwas gewinnen, oder eben nicht.
Auch löst die „Stopp-Taste“ eine Kontrollillusion aus, denn sie hat keinen Einfluss auf das Spielgeschehen. Das Spiel beginnt bevor Sie beginnen. Denn hinter dem, was Ihnen gezeigt wird, berechnen Prozessoren der Maschinen die ganze Zeit im Vorfeld ob Sie etwas gewinnen, oder eben nicht.
Wir Menschen begreifen den Zufall nicht. Wir denken, dass ein zufälliges Ereignis wahrscheinlicher wird, wenn es längere Zeit nicht eingetreten ist oder eben unwahrscheinlicher, wenn es kürzlich aufgetreten ist.
Der ständige Überfluss von Dopamin während des Spielens, führt bei einer Abnahme des Dopamin-Levels dazu, dass Ihnen Ihr Gehirn immer häufiger die Meldung gibt, zu spielen. Durch den künstlichen Überschuss und die Abnahme des Dopamin-Levels bei normalen Alltagsreizen kann das Nutzer dazu bringen, mit immer höheren Einsätzen zu spielen, um die Intensität des Spannungserlebens zu steigern, oder die Spieldauer zu verlängern.
[1] Petry, 2003, S.28
https://jgi.camh.net/index.php/jgi/article/view/3772/3747 Die Studie zum nachlesen:
Glücksspiele sind mittlerweile so konzipiert, dass Gewinne und Verluste durch schnelles weiterspielen ineinander verschwimmen. Die Fast-Gewinne, zum Beispiel zwei „Jackpot-Symbole“, Stopp-Loss-Funktion zu früh eingestellt, nur ein bestimmtes Teil eines Sets usw., lassen bei Spielern im Gehirn eine ähnliche Lusterwartung entstehen, wie ein tatsächlicher Gewinn. Als Gewinn getarnte Verluste - Sie setzen 3€ und gewinnen 2€ - täuschen Ihnen mit den aufleuchtenden Bildern, den Geräuschen dann einen tatsächlichen Gewinn vor, obwohl Sie eigentlich 33% Ihres eingesetzten Kapitals verloren haben. Die Positive Verstärkung verbirgt die tatsächlichen Verluste und dies animiert zum Weiterspielen.
Wir Menschen begreifen den Zufall nicht. Wir denken, dass ein zufälliges Ereignis wahrscheinlicher wird, wenn es längere Zeit nicht eingetreten ist oder eben unwahrscheinlicher, wenn es kürzlich aufgetreten ist.
Es war einmal in Monte Carlo …
Am 18.August 1912 kam es zum „Wunder von Monte Carlo“. An einem Roulettetisch landete die Kugel 26x hintereinander auf schwarz. Ab dem 21x setzte ein Großteil der Spielenden auf Rot, da die „Wahrscheinlichkeit“, dass die Kugel auf Rot landet, als wahrscheinlicheres Ereignis angenommen wurde. Dabei liegt die Chance, dass die Kugel auf Schwarz oder Rot fällt immer bei 46,37%. An diesem Abend haben viele Menschen ihr gesamtes Hab und Gut verspielt, weil Menschen Zufälle und Glück nicht begreifen.
Das exzessive Spielen kann dann den finanziellen Ruin beschleunigen, was wiederum zu Konflikten mit dem Gesetz führen kann, um Geld zu beschaffen und die Heimlichkeit und Scham erhöht, bei der Entdeckung der Abhängigkeit sozial ausgeschlossen zu werden.
Wichtig! Die Dopamin-Rezeptoren im Gehirn brauchen nach exzessivem Konsum mehrere Monate, um sich zu regenerieren. Wichtig!
Ein Patient berichtet:
„Ich war mit meiner damaligen Freundin sieben Jahre zusammen, wir waren sogar verlobt. Ich habe meine Sucht so gut es ging vor ihr verborgen. Irgendwann kam ich jedoch durch mein Spielen finanziell in Schieflage, ich habe versucht die Schieflage durch Gewinne auszugleichen, was natürlich nicht geklappt hat. Meine Stimmung wurde immer schlechter und hat auch meine Beziehung stark beeinträchtigt. Ich konnte ihr nicht sagen, warum ich so war. Als sie irgendwann auch noch bemerkte, dass ich sie regelmäßig beklaute, war das Vertrauen dann endgültig weg. Ich habe versucht um die Beziehung zu kämpfen, aber ich hatte keine Chance mehr. Jetzt sind wir seit zwei Jahren getrennt, und ich denke immer noch jeden Tag an sie“
Eine Abhängigkeit ist einer Affäre nicht unähnlich. Sie wird heimlich gelebt und befriedigt unausgesprochene Bedürfnisse in der Beziehung. Eine Sucht kann niemals das Bedürfnis befriedigen, welches sie ersetzen soll! Bei einer Abhängigkeit eines Partners in einer Beziehung leidet oftmals der andere Partner mit, welcher sich dann nicht selten verletzt und betrogen fühlt. Betroffene berichten häufig, dass sie „Haus und Hof“ verspielt haben. Auch sind Diebstähle bei Bekannten, Freunden, Familienmitgliedern und den eigenen Partnern keine Ausnahme. Dieser Verlust von Vertrauen stellt viele Beziehungen auf die Zerreißprobe.
Fragen zur Selbsterfahrung:
Woran merken Sie, dass jemand ein gesundes Verhältnis zum Glücksspiel hat?
Seit wann, empfinden Sie sich als süchtig?
Welche Kriterien müssten für Sie erfüllt sein, um ein normales Glücksspielverhalten zu haben?
Was ist der Unterschied zwischen Ihrem jetzigen Glücksspiel und dem Glücksspiel, welches Sie als normal empfinden würden?
Was würden Ihre Bekannten und Freunde als normales Glücksspiel definieren?
Wie war der Umgang mit Geld in Ihrer Familie?
Wie war mein Umgang mit Geld?
Was habe ich gespürt, als ich das erste Mal bei m Glücksspiel gewonnen habe?
Was habe ich gespürt, als ich das erste Mal einen größeren Geldverlust hatte?
Wie ist meine Beziehung zu Geld in diesem Moment?
Das Highspeed-Internet und die Tatsache, dass ein Großteil der deutschen Bevölkerung den Zugang zu internetfähigen Geräten besitzt, ermöglichen es, jederzeit zu spielen. Es sieht sogar danach aus, dass durch den neuen Glücksspielstaatsvertrag, es Glücksspielanbietern zukünftig ermöglicht, Online Casinos ganz legal auf digitalen Geräten anzubieten. Durch aggressives Marketing und Lockangeboten, werden Nutzern in Werbungen hohe Gewinne „versprochen“ die „ganz bequem“ von zu Hause erspielt werden können. So werden eventuelle Anfahrtswege oder aber Scham, sich in etwaige Etablissements zu begeben, reduziert. Auch werden Internet- und Handyspiele mit Elementen aus dem Glücksspiel (z.B. Walzendrehen) vermischt. So können bereits abhängige getriggert und unerfahrene Spieler herangeführt werden. Auch der Markt der glücksspielenden Influencer boomt. Diese streamen häufig über Stunden, wie sie Glücksspiel spielen, oder eben gamen. Häufig haben diese Werbeverträge mit den beworbenen Glücksspielanbietern, die den Zuschauern eine schnelle, planbare und lohnende Einnahme vorgaukeln.
Nun wissen Sie im Großen und Ganzen, wie Abhängigkeiten entstehen können, welche Funktionen sie haben und von welchen Kriterien sie abhängen. Lassen Sie sich nicht entmutigen, Sie können Ihre Sucht in den Griff bekommen. Dafür brauchen Sie Zeit, Verständnis, Disziplin und vor allem die wahrhafte Bereitschaft, sich verändern zu wollen.
Besonders Männern wird in der heutigen Zeit immer noch das Bild des latent aggressiven Karriere-Typen suggeriert, der alles können muss, keine Gefühle besitzt, Emotionen nicht zulässt und hypersexuell ist. Viele Betroffene haben durch dieses omnipräsente, unrealistische Vorbild nicht richtig lernen können, mit belastenden Gefühlen umzugehen. Deshalb ist es wichtig, das nachzuholen und sich für die eigenen Bedürfnisse zu sensibilisieren.
Bücher, YouTube & Blogs
Wir empfehlen Ihnen eindringlich, sich zu den einzelnen Methoden weiter zu informieren und zu belesen. Die meisten Menschen haben keine Lust, Bücher zu lesen. Klar, Bücher zu lesen dauert Zeit und ist eine kontinuierliche Trainingssache. Das Internet ist, wenn man nur gründlich sucht, voll von Buchzusammenfassungen und der Ausarbeitung vieler Kernaussagen der Autoren.
Wer es noch leichter haben möchte, kann sich zu vielen der hier vorgestellten Themen auch auf YouTube informieren. Bei YouTube ist es aber so, dass sehr viel unseriöser Content kursiert.
Deshalb gilt YouTube auch als mäßiges Informationsportal, obwohl viele Informationen durchaus richtig recherchiert wurden. Gerade Entspannungstechniken, Meditationen und Wissen um stressreduzierende Ernährung etc. gibt es bei YouTube wirklich gut visuell dargestellt und ausgezeichnet recherchiert. Bei den Themengebieten, bei denen wir Sie anhalten, sich auf YouTube weiter zu informieren, können Sie das auch gefahrlos tun.
Sie erkennen gute Bücher/YouTube-Videos/Blogs oftmals an den Reviews, also den Bewertungen anderer Leser/Zuschauer (Vertrauen Sie dabei auf die Schwarmintelligenz).
All diese Dinge sind notwendig, um langfristig Ihr Verhalten wirklich zu ändern. Wenn Sie sich nicht aufraffen können, die Aufgaben auch wirklich zu absolvieren und sich weiterführend zu bilden, kann Ihnen keine Therapie helfen. Im nachfolgenden Text wird sich die geschriebene Sprache etwas verändern, um alles verständlicher zu gestalten. Also halten Sie ab nun einen Stift bereit und benutzen Sie dieses Buch für das, wofür es konzipiert wurde. Denken Sie daran: Sie machen das hier für sich!
Dies ist der erste Teil meiner Behandlung zur Reduktion eines übersteigerten Spielverhaltens (inkl. Gaming).
Warum solltest Du Dein Spielkonsum reduzieren? Häufig auftretende Nebenwirkungen von Glücksspiel sind:
Verzerrung des Belohnungssystems – Gerade bei Automatenspielen, aber auch bei Sportwetten oder Online Casinos, wird durch Gewinne (oder Beinahe-Gewinne) das Belohnungszentrum aktiviert. Dabei wird die Euphorie von der Spielintensität, also der Spielschnelligkeit, der Spieldauer und der Höhe des Einsatzes beeinflusst. Dieser Strudel aus verzerrten Belohnungen lässt Spielende zum einen oftmals das Zeitgefühl vergessen und zum anderen gewöhnt und konditioniert sich das Gehirn an die ständige Belohnung. Das hat zur Folge, dass die Betroffenen häufigen starken Spieldruck empfinden. Wenn dann noch andere negativen Emotionen dazukommen, wird dieser Spieldruck fast unerträglich wird.
Lügen – Jeder Spielende in meiner Behandlung hat über Beziehungskrisen berichtet, die durch Unehrlichkeiten entstanden sind. Häufig waren dabei Gelddiebstähle innerhalb der Familie, der Partnerschaft oder im Freundeskreis im Fokus, zum Teil jedoch auch kriminelle Aktivitäten für die Geldbeschaffung, um spielen zu können. Oftmals ist es den Spielern nicht egal, dass sie (auch eigene) Normen verletzten. Viele sind davon überzeugt, durch das Spielen die Geldbeträge wieder zurückzahlen zu können.
Verlust von Lebensfreunde – Gerade pathologische Spieler leiden unter Suizidgedanken oder Depressionen, da sie keine Ausweg mehr aus dem entstandenen Schaden, dem Verlust der Beziehungen, den Schulden und den Schuld- und Schamgefühlen erkennen können.
Da dieser Kurs kostenlos ist und ich kein technischer Profi bin, würde ich etwas Nachsicht bei Bewertungen begrüßen. Ansonsten wünsche ich allen Teilnehmenden eine aufschluss- und lehrreiche Zeit. Für Fragen und Anmerkungen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.
Herzliche Grüße
Gregor Röpnack